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Satanismus-Tagung

„Satanismus und Rechtsextremismus: Brüder in Wort und Tat?“

Veranstaltung der SPD-Bundestagsfraktion am 19. Juni 2002 im Reichstagsgebäude, SPD-Fraktionssaal 11011 Berlin

Dieses war die bisher größte und einflussreichste Tagung zum Thema. Da derartige Dokumente recht schnell wieder verschwinden, haben wir die Veranstaltung hier in voller Länge dokumentiert:

satanismus.pdf [179 KB]

Bilder einer Ausstellung:

Bilder einer Ausstellung im Rahmen der Tagung "Satanismus und Rechtsextremismus"

Einführende Worte: Ulla Fröhling

Diese Bilder einer Ausstellung geben Einblick in den dunkelsten Bereich unseres Themas. Im vorigen Vortrag wurde schon mal tief reingegriffen, und ich will noch einiges hinzufügen. Man darf nicht vergessen, dass es bei dem Bereich ritueller Gewalt um einen Teilaspekt des Satanismus geht, nicht um das Ganze. Aber es ist ein besonders brisanter Teil. Thorsten Becker aus Hamburg, der schon 1994 für seine Arbeit mit rituell missbrauchten Kindern den Kinderschutzpreis erhielt, bezeichnet diesen Bereich als Brennpunkt, in dem vieles besonders deutlich wird, in dem sich auch vieles überschneidet.

Die Malerinnen und Maler dieser Ausstellung zeigen Abgründe ritueller Gewalt. Und sie sind selbst gezeichnet von dieser Gewalt.

In manchen Ländern, darunter auch Deutschland ist noch umstritten, ob es das Phänomen „Rituelle Gewalt„ überhaupt gibt. Was nicht umstritten ist, sind die Opfer. Sie existieren. Ich will Sie jetzt nicht mit Definitionen langweilen oder erschrecken. Sie können sie auf den Tafeln dort nachlesen. Wir haben dort auch den Gesetzestext aus dem US-Bundesstaat Illinois aufgestellt, der rituelle Gewalt verbietet und dann auflistet, was alles darunter fällt. Es ist sehr beunruhigend, sich das durchzulesen. Rituelle Gewalt wird als die schwerste Form von Folter angesehen. Gewalt ist das Mittel, aber das Ziel ist Indoktrination, Gehirnwäsche, Mind Control. Unerträglicher Schmerz, tiefe Erniedrigung, körperliche, sexuelle, seelische Gewalt sowie der Zwang zu schwerkriminellen Taten werden benutzt, um den Widerstand eines Individuums zu brechen, seinen Willen und seine Identität den Zielen der Gruppe unterzuordnen. Nicht nur im Moment der Folter, sondern auch für die Zukunft, für alle Zukunft. Gleichgültig, ob die Ziele faschistisch, kriminell oder satanistisch sind, ob Colonia Dignidad, der Rote Khmer oder Michael Eschner vom Netzwerk "Thelema" diese Methoden anwenden. (Thelema ist übrigens eine Berliner Gründung, die in den Untergrund ging und jetzt überwiegend vom Wendland aus agiert.) Diese Beispiele habe ich bewusst gewählt, denn auch in diesem Bereich werden Kriegsopfer produziert.

Nicht nur der Widerstand der Opfer wird gebrochen, in vielen Fällen zerbricht dabei auch das Ich dieser Menschen, weil das Erlebte weit über das erträgliche Maß hinausgeht. Damit sind wir beim Thema Aufspaltung, Dissoziation und bei Multiplen Persönlichkeiten. Auch über dieses Störungsbild wird in Deutschland immer noch mal wieder gestritten. Das zu erwähnen, halte ich für meine Pflicht. Tatsächlich aber ist dieser Streit ein alter Hut, seit es der Hirnforschung im sogenannten PET-Verfahren gelang, die Empfindungen unterschiedlicher Ichs oder Persönlichkeiten in einem Menschen abzubilden. Das sollte ich vielleicht noch erklären. Wenn man mich auf diese Weise untersuchte und mir bestimmte Wörter sagte - Hut, Stuhl, Gabel, Liebe, Angst, Vertrauen - , dann ließe sich feststellen, dass in meinem Gehirn recht wenig geschieht bei den Wörtern „Hut, Stuhl, Gabel„. Aber meine Hirnaktivität nimmt deutlich zu, wenn ich „Liebe, Angst, Vertrauen„ höre, weil diese Wörter einen hohen emotionalen Gehalt haben, der verschiedene Hirnregionen aktiviert. Das gilt für den Durchschnitt der nicht misshandelten Bevölkerung. Wenn ich aber Opfer eines Folterers gewesen und zum Beispiel mit Gabeln misshandelt worden wäre - Folterer nehmen gerne Gegenstände des Alltags, weil die tägliche Begegnung immer wieder an die Folter erinnert -, dann würde ich bei dem Wort „Gabel„ ganz anders reagieren, nämlich heftig gefühlsmäßig, panikartig, vielleicht mit Todesangst. Bei multiplen Persönlichkeiten nun sind manche Erinnerungen nur Teilpersönlichkeiten zugänglich. Einige Innenpersonen wissen von der Folter, andere aber nicht. Bei Menschen mit einer multiplen Persönlichkeitsstörung geschieht der Wechsel von einer Persönlichkeit zur anderen meist durch Auslösereize, sogenannte „Trigger„, und kann von den Betroffenen oft nicht kontrolliert oder gesteuert werden.
Es gibt aber einige Multiple, die nach langer Therapie imstande sind, bewusst zwischen den Persönlichkeiten zu wechseln. Mit Hilfe dieser Patienten und Patientinnen haben Wissenschaftler unterschiedliche Ich-Zustände im PET nachgewiesen. Noch mal: Wenn ein Ich-Zustand, der die Folter mit der Gabel nicht erlebt hat, das Wort Gabel hört, reagiert er ganz anders als die Teilidentität, die gefoltert wurde. Solche Unterschiede könnte man bei mir im PET einfach nicht darstellen, weil ich als Gesamtpersönlichkeit reagiere, aber man kann es bei Multiplen. Die Amerikaner haben dieses bewiesen, die Holländer machen es ebenfalls. Vielleicht kommen wir in Deutschland in zehn Jahren oder so auch noch zu diesen Erkenntnissen.

Obwohl also das Ich dieser Menschen zerbrach oder zersplitterte, blieben sie selbst am Leben. Einige, nicht alle. Manche tauchen schwerbeschädigt an Körper und Seele in Kliniken auf oder auf dem Drogenstrich, in Beratungsstellen, bei ÄrztInnen oder in Psychiatrien, in der Zwangsprostitution, bei Therapeuten oder auf Polizeiwachen. Eine deutsche Pilotstudie zu ritueller Gewalt ergab 271 dokumentierte Fälle in 13 Bundesländern. Die meisten berichteten von Überschneidungen zwischen destruktiven Kulten, Kinderpornographie und faschistischen Gruppen. In acht von zehn Fällen waren Frauen die Opfer. Der Grund: Frauen suchen eher Hilfe im Gesundheitswesen. Viele von ihnen leiden ihr Leben lang an diversen körperlichen und seelischen Störungen. Meist wird nicht erkannt, dass diesen Störungen eine chronische post-traumatische Belastungsstörung zugrunde liegt, und das ist eine Traumafolge.
Wenn man sich die Helfernetze dieser Menschen anschaut, stellt man fest, dass für sie vom Staat her im Grunde genommen gar nichts vorgesehen ist. Wenn sie Glück haben, kriegen sie zweimal 25 Stunden Therapie, aber eigentlich brauchen viele von ihnen eine langjährige Therapie. Manchmal zehn, zwölf Jahre, manchmal sogar lebensbegleitend. Aber das gibt es nicht in diesem Land. Nicht in diesem Gesundheitswesen.

Doch viele der Betroffenen helfen sich irgendwie. Manchmal ist eine Therapeutin da, es gibt eine Beratungsstelle, vielleicht von "Wildwasser", eine Notrufgruppe kümmert sich eventuell auch noch um diese Frau. Manchmal ist ein Lehrherr da, der sieht, dass sein weiblicher Lehrling alle paar Tage mit schweren Folterspuren zur Arbeit kommt, aber dennoch nicht zur Polizei gehen will. Manchmal gibt es ein Helfernetz von bis zu zwanzig Personen, die ehrenamtlich weit über ihre Grenzen versuchen, diesen Menschen Halt zu geben. Die Gewalt ist so heftig, dass ein riesiges Stabilisierungsnetz benötigt wird, um die Folgen zu tragen. Im Bereich von Beratungsstellen und Therapeuten sieht man, dass viele der Helfer und Helferinnen nach kurzer Zeit ausbrennen, weil es wirklich eine ganz erhebliche Belastung ist. Das nenne ich die Wellen der Gewalt.
Der Staat steht nicht zur Verfügung, guckt auch nicht genauer hin, was da eigentlich passiert.

Männer mit einem derartigen Gewalthintergrund finden sich nicht selten in Gefängnissen, als dissoziative Täter. Doch das ist nur eine Seite der Geschichte. Es gibt auch sogenannte hochfunktionale Multiple, die sehr erfolgreich in qualifizierten Berufen arbeiten. Sie sind hochfunktional in Teilbereichen des Lebens, aber ohne eine integrierte Gesamtpersönlichkeit. Ich kenne inzwischen mehrere Männer mit dieser Störung in der EDV-Branche, vier Ärztinnen, zumindest einen Therapeuten - und zwei Politiker, auch das muss in diesem Hause mal gesagt werden. Öffentlich werden sie sich kaum outen, denn sie haben viel zu viel zu verlieren.
Wieder einmal sind es die anderen, die auch hier den Preis zahlen. Zeichnungen und Gemälde dieser anderen sehen Sie hier.

Die hochbegabte Malerin, deren Bilder dort hinten in der Ecke stehen, ist fast mittellos. Ihre Bilder hat sie auf Sperrholz gemalt, welches ihr Freunde geschenkt haben. Eines der Bilder wurde auf ein gebrauchtes Frühstücksbrettchen gemalt.

Diese Bilder, Zeichnungen und Collagen Überlebender habe ich zusammengestellt, damit die Menschen, um die es geht, hier bei dieser Veranstaltung auch vorkommen. Vielleicht ist Ihnen eine der Malerinnen schon mal begegnet. Da ist z.B. „Nicki„ aus dem Film "Höllenleben" von der Regisseurin Liz Wieskerstrauch, die heute auch anwesend ist. Da ist „Angela Lenz„ aus meinem Buch "Vater unser in der Hölle". Andere Bilder stammen von „Pauline„, deren E-mail-Korrespondenz in der Schriftenreihe für sexualisierte Gewalt erschien. Die Herausgeberinnen dieses Bandes sind auch anwesend, wie ich sehe.

Andere, die hier ebenfalls ausgestellt haben, sind so gefährdet, dass ich überhaupt nichts über sie sagen darf. Daher sind alle Namen, die Sie auf den Bildern sehen und die ich erwähne, Pseudonyme. Einige der Malerinnen arbeiten immer noch in der Zwangsprostitution für kriminelle Gruppen. Da sie hochdissoziativ sind, also Schmerz abspalten können, sind sie wertvoll für eine Szene, die Menschen quält. Das Wort "wertvoll" sage ich bewusst. Denn wir müssen uns auch klar machen, dass ein derartig abgründiges Leben voller Qual auch sinnstiftend sein kann – so unerträglich uns anderen das erscheint. Dieses Phänomen beschreibt der Schriftsteller Robert Menasse mit eindrucksvollen Worten: "Die Hölle erkennen wir erst rückblickend. Solange wir in ihr schmoren, reden wir von Heimat." Viele Überlebende ritueller Gewalt können noch nicht zurückblicken. Sie stecken noch mitten drin.

Der Blutrausch, den Navina auf einigen Bildern malt, macht sehr nachdenklich. Als ich das große Bild dort zum ersten Mal sah, bestätigte mir die Malerin, was ich vermutete: "Ja, das ist Manuela Ruda." Manuela Ruda, bekennende Satanistin, die im Sommer 2000 in Witten zusammen mit ihrem Ehemann einen Bekannten in ritualisierter Form ermordete. Etwa sechzig Bilder hat Navina von Frau Ruda gemalt. Für meinen Geschmack schwang da zu viel Bewunderung mit, und daher sagte ich zur Malerin: "Die ist nicht sehr intelligent, wisst ihr das?" Ich habe mir angewöhnt, multiple Menschen in der Mehrzahl anzureden, da ich mich meist von mehreren Personen angeschaut fühle, die durch ein und dasselbe Augenpaar gucken. Sie erwiderte: "Das war aber jetzt eine Enttäuschung." In der Tat. Die Bewunderung für das verurteilte Ehepaar Ruda kann man auch in Internet-newsgroups nachlesen. Man darf wirklich nicht übersehen, wie viel Faszination gerade bei Jugendlichen davon ausgeht, sich absolut außerhalb der Gesellschaft zu bewegen. Auch wenn es schwer zu ertragen ist, müssen wir eben begreifen, dass es nicht nur Angst vor Verfolgung und Rache ist, was manche in ihren Gruppen hält. Einige sind dort aufgewachsen, leben vielleicht in der zweiten oder dritten Generation dort. Bei allem Horror, es ist ihre Heimat. Und wenn sie den Schritt aus dem Dunkel heraus tun, kommt manchen von ihnen unsere sichtbare Welt dünn und sinnlos vor. Das ist auch eine wichtige Frage: Welchen Sinn können wir ihnen bieten?

Die Malerinnen und Maler dieser Bilder kommen aus verschiedenen Gegenden Deutschlands. Sie kennen einander nicht, haben nicht dieselben Therapeutinnen oder Therapeuten. Und diese hatten weder dieselbe therapeutische Ausbildung noch haben sie denselben Supervisor. Das betone ich, weil man sehen kann, dass sich viele Symbole, Zeichen und Szenen wiederholen. Schlangen. Das Kind in der Kiste, eingegraben. Blut, Feuer, schwarze Vögel. Elektroschocks, immer wieder Elektroschocks. Ein Kind auf dem Dach angekettet. Als ich dieses Bild sah, es stammt von „Nicki„ aus dem Film "Höllenleben, fielen mir Schilderungen und Zeichnungen eines Kindes ein, die ich vor kurzer Zeit gehört und gesehen hatte. Das Kind war vier Jahre alt und hatte die gleiche Szene beschrieben. Ein Kind, das aus einem nachweislich kriminellen Umfeld herausgeholt worden war, das trainiert war für sexuellen Gebrauch und eingeschüchtert durch Gewalt und Psychoterror. Das die Diagnose "schwere reaktive Bindungsstörung/dissoziative Störung" hat. Und als ich diese Zeichnung jetzt wieder sah, dachte ich: Was geschieht eigentlich in diesem Land?

Um das herauszufinden hat der Abschlussbericht der Enquetekommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen" im Jahre 1998 recht gute Empfehlungen gegeben: Ernst nehmen, Polizei und Justiz fortbilden, SoKos einrichten usw. Irgendjemand muss endlich mal die Verantwortung übernehmen, das auch umzusetzen.
Ich hätte Sie gern zuvor schon dazu aufgefordert, aber ich will es trotzdem jetzt noch sagen: Wenn Sie die Bilder der Menschen anschauen und ihre Texte lesen, begegnen Sie ihnen mit Respekt. Die Bilder sind kreative Umsetzungen von Erinnerungssplittern, und die Menschen sind Überlebende einer Welt, die wir nicht verhindert haben.
Danke schön.

 

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Letzte Änderung am 12.07.2016 um 13:38 Uhr.

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